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Kapitel 1: Gefühlssalat zum Selberbasteln - Wie dein Gehirn dir Märchen erzählt

  • Autorenbild: ichschenkdireinegeschichte
    ichschenkdireinegeschichte
  • vor 11 Minuten
  • 7 Min. Lesezeit

Ob es uns gefällt oder nicht: Es ist eine Tragödie. Schlussendlich ist jeder einzelne von uns ein NPC im menschlichen Universum. Diese Tragödie liegt in der Asymmetrie der Wahrnehmung. Für dich bist du eine logische Funktion, der Held der Geschichte. Für dein Gegenüber bist du eine Naturgewalt, die ohne Vorwarnung in seine Zone einbricht - ein NPC, der sich nicht an die Spielregeln hält. Denn aus seiner Perspektive ist er der Held der Geschichte. Die ewige Ignoranz des „Sonder“: Selbst in Videospielen ignorieren wir diese Erkenntnis. Die Erkenntnis, dass jeder NPC am Ende ein Leben führt, das so komplex und lebendig ist wie das eigene.


Der Held und seine Statisten

Der Held sieht die Welt als Kulisse für sein persönliches Abenteuer und nicht als essentiellen Teil desselben. Für den Helden existiert der NPC nur, um seinen Weg zu pflastern. Er hat Gefühle, Ängste und Träume, doch gewiss keine Handlungsmacht. Er ist Gefangener des Skripts, weil der Held ihn zu einem Gefangenen macht. Der Held sieht seine Respektlosigkeit nicht: Er rennt einfach ins Haus, zerbricht die Töpfe, stiehlt das Brot und rennt wortlos wieder raus. Der NPC erzählt dir unter Tränen, dass seine Frau von Orks entführt wurde, und du zertrümmerst seine einzige Erinnerung an sie; du klickst seine Geschichte einfach weg, weil du nur die Belohnung sehen willst. Für dich ist sein Trauma nur ein Symbol über seinem Kopf. Nichts im Vergleich zu deinen Heldentaten und den damit verbundenen Opfern.

Der Held ist nicht der Regisseur der Geschichte, sondern lediglich ein Teil von ihr. Seine Augen sind nicht wie zwei Fenster, durch die er die Welt eins zu eins sieht. Seine Hardware - dieses schwabbelige, anderthalb Kilo schwere Etwas, das dem chronischen Irrtum unterliegt, allwissend zu sein - gibt nicht zu, dass es eigentlich in völliger Dunkelheit tappt und lediglich versucht zu erraten, was draußen gerade abgeht.

Der Held stirbt in dem Moment, wo er realisiert: „Meine Gefühle passieren nicht wegen der anderen, sie passieren in mir."

Konstruktivismus ist kein Realismus - Der Irrtum der Wahrnehmung

Wie süß, dass wir denken, unsere Augen seien zwei Fenster, durch die wir die Welt sehen, wie sie ist. Leider nein. In Wahrheit ist unsere Hardware auf Vorhersage programmiert. Ja, du liest richtig: Unser Gehirn ist nichts weiter als eine Vorhersagemaschine. Es hockt in deinem Kopf, deine Augen und Ohren schicken nichtssagende elektrische Impulse, und dein Gehirn reagiert nicht mit: „Ah ja, logisch, klar“, sondern mit: „Hä, was zur Hölle könnte das sein?“

Es legt los, deine gesamte Datenbank an Erfahrungen und Erinnerungen zu scannen, um das „Ah“ zu finden. Ah, das letzte Mal, als... und dann behauptet es oberschlau: Das ist jetzt genau so wie letztes Mal. Du siehst also nicht das, was wirklich ist, sondern das, was dein Gehirn daraus macht. Deine Wahrnehmung und die damit verbundenen Gefühle sind keine Fakten. Sie sind die beste Einschätzung einer Situation basierend auf deinem persönlichen Erfahrungs-Schrott.


Die Geburtsstunde des Ego-Terroristen

Fangen wir da an, wo alles beginnt: An dem Tag, an dem wir Schleim verschmiert und laut brüllend in diese Welt entlassen werden. In diesem Moment bist du die reinste Form des Hauptdarstellers, die man sich vorstellen kann. Du hast keine Ahnung von der Welt und es ist dir verdammt noch mal völlig egal, ob die Hebamme heute schon gefrühstückt hat. Dein gesamtes Universum besteht aus: Ich, Hunger, Kalt, Aua.

Du bist ein biologisches schwarzes Loch, das alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Du bist ein absoluter Ego-Terrorist. Und das musst du auch sein, denn sonst würdest du nicht überleben. Nur genau hier liegt die Wurzel des Übels. In den ersten Jahren lernt dein Gehirn eine gefährliche Lektion: „Ich schreie, die Welt reagiert. "Ich bin der Held meiner Geschichte und die Riesen, die mich füttern, sind meine Spezialeffekte.“


Die Entstehung des Erfahrungs-Schrottplatzes

Während du so vor dich hin wächst und meinst, die Spezialeffekte seien lediglich deine NPCs und du der Held, fängt dein Gehirn an, seine Datenbank zu füllen. Selbstverständlich nach völlig objektiver Wahrheit? Leider nein, das wäre zu einfach. Dein Gehirn kann nur „Überlebens-Nutzen“. Und die NPCs - die Riesen, die dich da füttern  - sind keine NPCs. Du bist nicht der Held, du bist nur Teil der Geschichte.

Jedes „Nein“, jeder ignorierte Schrei und jedes Lob wird zu einem Bauteil deines persönlichen Erfahrungs-Schrottplatzes. Der Hund hat dich angebellt - zack: Hunde = Lebensgefahr. Du bist von der Rutsche gefallen - zack: Rutsche = Lebensgefahr. Nicht nur, dass du ständig in Lebensgefahr bist, die NPCs sind auch ständig der Überzeugung, dass dir auf keinen Fall etwas passieren darf. Dein Überlebensinstinkt sieht das nicht ein, der will lernen und die Welt erkunden.

Weswegen du mit gewissen Buffs ausgestattet wurdest, die den NPCs gewaltig auf die Nerven gehen können:

  • Level 1: Wenn ich schreie, kommt jemand. Läuft das gut, landet auf dem Erfahrungs-Schrottplatz das Bauteil Objektpermanenz - das Verständnis dafür, dass Menschen und Dinge noch da sind, auch wenn man sie nicht sieht. Der Buff Urvertrauen wurde optimiert. Das Bauteil „Die Welt ist ein sicherer Ort“ wurde hinzugefügt.

  • Der Patch: Läuft das schief, wird der Buff Urvertrauen rausgepatcht. Bauteil: "Die Welt ist kein sicherer Ort“.

Danach geht es in den ersten Bosskampf für die NPCs, denn du bist der Boss - zumindest meinst du das. Du willst die Dinge alleine machen; du hast das Startgebiet ja nicht grundlos verlassen. Nur warum sind die Spezialeffekt-NPCs plötzlich feindlich gesinnt? Da entstehen Konflikte zwischen dem eigenen Willen und den Grenzen der Umwelt. Du schreist und da kommt ein: „Nein! Lass das! Das ist gefährlich! "Das darf man nicht!"“ Das siehst du als kleiner Ego-Terrorist aber mal so absolut nicht ein. Willkommen in der Levelphase: Hier heißt es kämpfen und Skillpunkte verteilen. Da Leveln nie einfach ist, bekommt dein Erfahrungs-Schrottplatz unzählige neue Module. Wohin jetzt mit den Talentpunkten? Reiter: Selbstwert, Ich, Identität, Selbstbild - und jeder Guide sagt was anderes.

Willkommen im Gebiet: Sinnesentwicklung für Gerechtigkeit und Regeln. Und aus der Nummer kommst du erst mit Level 12 raus, dabei bist du gerade mal Level 3.


Die Hammer-Logik: Feinde aus dem Nichts

Endlich Level 13. Willkommen im Gebiet „Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Um zu verstehen, wie unser Erfahrungs-Schrott die Realität zerstört, bevor sie überhaupt stattfindet, hilft Watzlawicks Geschichte vom Hammer:

Ein Mann will ein Bild aufhängen, hat aber keinen Hammer. Er will sich einen vom Nachbarn leihen und auf dem Weg zur Tür rattert seine Datenbank: Gestern hat er mich so kurz angebunden gegrüßt, bestimmt hat er was gegen mich. Warum eigentlich? Ich hab ihm nichts getan. Er bildet sich wohl was auf seinen Hammer ein... Er klingelt, der Nachbar öffnet freundlich die Tür und sagt: „Guten Tag.“ Und der Mann brüllt: „Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!“

Krass, oder? Der Nachbar hat nichts getan, aber in der Wirklichkeit des Helden ist er bereits ein feindlicher Gegner. Der Gefühlssalat wurde serviert, bevor die erste Zutat (der Hammer) überhaupt in den Topf kam. Warum hat der Nachbar jetzt eigentlich keinen Hammer? Die Antwort liegt in unserem Kopf. Unser Gehirn ist kein neutraler Beobachter. Watzlawicks Frage: „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ ist also ziemlich berechtigt. Er unterscheidet:

  • Wirklichkeit ersten Grades: Die nackten Fakten. Ein Auto schneidet dir den Weg ab (Physik).

  • Wirklichkeit zweiten Grades: Die Bedeutung. „Der will mich provozieren, was für ein rücksichtsloses Arschloch (Dein Drehbuch).

Wir verwechseln das ständig. Wir glauben, unsere Interpretation sei die Welt selbst. Krass, oder? Wir leiden überhaupt nicht unter dem Stau oder den nörgelnden Partnern, sondern unter den Geschichten, die wir uns aufgrund der Module auf unserem Erfahrungs-Schrottplatz erzählen.


Das Chemie-Labor der Emotionen

Aber meine Gefühle! Hat der Nachbar mit seinen Grüßen nicht die Gefühle des Mannes verletzt? Hat er das wirklich? Was war zuerst da: Huhn oder Ei? Gefühl oder Gedanke? Hat der Nachbar den Mann verletzt oder hat sich der Mann durch seine eigenen Gedanken selbst gekränkt?

Wir werden als Ego-Terroristen geboren und wir bleiben es. Paul Ekman hat in den 70ern die sechs Basisemotionen nachgewiesen: Angst, Wut, Ekel, Freude, Trauer, Überraschung. Wir nennen sie Urgefühle, weil sie in Millisekunden entstehen, bevor der Verstand begreift, was los ist. Sie sichern unser Überleben. Dann gibt es die Plutchik-Blume der Gefühls-Nuancen:

  • Freude + Vertrauen = Liebe

  • Angst + Überraschung = Ehrfurcht

  • Wut + Ekel = Verachtung

Wir kommen mit einem emotionalen Werkzeugkasten auf die Welt und machen ihn mit Gefühlssalat, Erfahrungs-Schrottplatz und Ego-Terrorismus kaputt. Was war zuerst da? Unentschieden mit bösen Ausgang. Das Gehirn ist eine Vorhersage Maschine, die viel zu schnell arbeitet. Weder Held noch NPC kommen da hinterher. Wir sind hochemotionale Biocomputer, die nachträglich Ausreden für ihr Verhalten suchen. Aber das müssen wir ja nicht, da wir die Helden der Geschichte sind.


Epilog: Die Abrissbirne der Ignoranz

Und hier liegt die Tragödie. Weil wir so tief in unseren eigenen Schrottplatz eingegraben sind, merken wir überhaupt nicht, dass wir ständig mit unserem Verhalten dafür sorgen, dass negative Module auf den Schrottplätzen der anderen entstehen. Wir merken nicht, dass wir wie eine Abrissbirne durch das Leben unserer Mitmenschen schwingen.

Wenn wir die Verkäuferin im Supermarkt anpöbeln, tun wir das aus der Überzeugung heraus, dass unser Recht auf Eile wichtiger ist als ihre Würde. Wir vergessen, dass wir in diesem Moment einen fettes rostiges Teil mit dem Titel „Du bist nur eine Verkäuferin, du bist nichts wert“ auf ihren Schrottplatz werfen. Du nimmst an, du seist der einzige mit einer schmerzhaften Vergangenheit, die du heldenhaft überlebt hast. Du erschaffst den Schrottplatz der anderen durch deine Annahme, du seist der alleinige Held der Geschichte.

So schmerzhaft das auch ist: Jedes Mal, wenn du dein Gegenüber nur als Randfigur in deiner Geschichte betrachtest, als Hindernis auf deinem Weg zum Ziel, hinterlässt du eine Delle in seiner Wirklichkeit. Du bist der Held, der durch das Dorf rennt und die Töpfe zerschlägt, während der NPC die Scherben aufsammeln muss. Du merkst es nicht einmal; du bist längst auf dem Weg zur nächsten Quest. Aber für den anderen bist du jetzt ein fester Bestandteil seines Erfahrungs Schrottplatzes: „Wieder so ein arroganter Typ, Menschen sind doch alle gleich.“

Die bittere Ironie liegt darin, dass wir verlangen, die Welt solle unseren Schrottplatz mit Samthandschuhen anfassen („Nimm Rücksicht, ich hatte eine schweren Tag!“), während wir selbst als Panzer über andere drüberrollen. Wir bewerten unser eigenes Verhalten nach unseren Absichten („Ich meinte es doch nicht böse, ich hatte einen stressigen Tag“), aber das Verhalten der anderen bewerten wir nach ihren Taten: „Was für ein Idiot.“

Schau mal über den Tellerrand deines eigenen Müllhaufens. Jeder Mensch trägt einen unsichtbaren Rucksack voller Schrott mit sich herum. Und wenn du ihn schubst - ob verbal oder physisch - dann klappert es darin.








 
 
 

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