Krass die anderen haben auch Gefühle Der Humorvolle Gesellschaftsguide Einleitung: Ich bin der Hauptdarsteller
- Paula S.
- vor 2 Tagen
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Einleitung: Ich bin der Hauptdarsteller
Warum wir uns alle für das Zentrum des Universums halten
Willkommen in deiner Welt. Schön, dass du da bist. Also wirklich da, in deinem eigenen Kopf. Es ist gemütlich dort, oder? In der Loge deines eigenen Bewusstseins. Wie du dort sitzt und mit deinen zwei biologischen Kameras das bunte Treiben da draußen beobachtest.
Das Problem ist nur: Du bist der festen Überzeugung, dass diese Kamerafahrten sich nur um dich drehen. Wenig dramatisch formuliert: Wir Menschen sind alle am egozentrischen Bias erkrankt. Du kannst dich jetzt auf den Boden werfen und brüllen, weil das ja wohl absolut nicht stimmt – aber leider leiden wir alle darunter. Es ist diese charmante kognitive Verzerrung, die jedem von uns ständig zuflüstert:
„Wenn ich es sehe, ist es wichtig. Wenn ich es fühle, ist es die Wahrheit. Und wenn jemand anderes mir im Weg steht, dann ist das ein Fehler im Drehbuch.“
Der Naive Realismus: „Ich sehe die Welt, wie sie ist“
Wer etwas anderes behauptet, tja, der ist dann wohl einfach blind. Nur du allein kannst die Welt objektiv betrachten. Alle anderen tragen entweder eine rosarote Brille, ein grünes Fernglas oder haben schlichtweg einen völlig vernebelten Durchblick.
Deine Logik mag sein: „Ich fahre zügig und effizient.“ Die anderen? Das sind Drängler oder Wanderdünen, je nach Position im Rückspiegel.
Es tut mir leid, dir das sagen zu müssen: Du bist keine Gottheit, du bist ein NPC. (Oder zumindest hält dich der Typ neben dir für einen). Du gehst einfach davon aus, dass jeder vernünftige Mensch die Welt genauso sehen muss wie du. Er müsste dein Handeln und deine Gefühlsregungen teilen, denn jeder vernünftige Mensch ist schließlich genau wie du.
Und wenn er das nicht ist, dann gibt es dafür logischerweise nur drei rational-realistische, unantastbare Erklärungen:
Er hat die Informationen nicht: Der Ärmste ist unwissend.
Er ist zu dumm, um es zu verstehen: Anstrengend unfähig.
Er verfolgt eine böse Agenda: Er ist einfach ein Arschloch.
Dass er vielleicht einfach seine eigene valide Lebensgeschichte hat? Das kommt dir oben in deiner Loge mit deinen zwei Kameras gar nicht in den Sinn. Krass, oder? Unvorstellbar: Der hat echt auch so eine Loge. Und auch zwei Kameras.
Descartes’ Ego-Trip: Der einsamste Satz der Welt
„Ich denke, also bin ich.“ Was bist du? Der Nabel des Universums? Der gute Descartes saß da im 17. Jahrhundert in seinem gemütlichen Kachelofen und dachte sich: Ich kann an allem zweifeln – an der Welt, an meinem Körper, an Gott. Aber ich kann nicht daran zweifeln, dass ich gerade zweifle.
Die Geburtsstunde des massiven menschlichen Egos.
Der Satz sollte eigentlich lauten:
„Ich denke, also bin ich. Und verdammt, du siehst auch so aus, als würdest du denken, also bist du wohl auch irgendwie da.“
Von der Hauptdarsteller-Falle stolpern wir direkt in die Solipsismus-Falle. Wir stecken alle in dieser Matrix fest und nehmen meist unbewusst an, dass nur unser eigenes Bewusstsein wirklich sicher existiert. Währenddessen sind die Schwiegermutter oder der Typ im Kino, der mit der Popcorntüte raschelt, nur eine Simulation – nichts weiter als eine Hintergrundkulisse für deine persönliche Heldenreise.
Realitätscheck: Deine Zahnschmerzen vs. meine
In dieser Logik sind meine Zahnschmerzen dann wohl realer als deine. Meine politische Meinung ist messerscharfe Logik, deine nur ein „Gefühl“. Nicht zu vergessen, dass ich einen triftigen Grund habe, heute schlecht gelaunt zu sein, während du einfach nur unhöflich bist.
Was passiert, wenn wir diesen Ego-Trip verlassen und uns dem Begriff Sonder zuwenden? (Das ist dieses schwindelerregende Gefühl, wenn man begreift, dass jeder Passant ein so komplexes Leben führt wie man selbst).
Die bittere Pille fürs Ego: Du bist nicht das Update, das die Welt gebraucht hat. Du bist nur eine von acht Milliarden Versionen von „Ich denke, also bin ich“.
Willkommen in der Wirklichkeit. Die Galaxie ist größer, als du glaubst. Jeder Mensch, den du siehst, hat eine ebenso wilde, widersprüchliche und laute Gedankenwelt wie du. Diese Hauptdarsteller-Falle macht uns im Alltag zu sozialen Legasthenikern. Wenn der Partner den Geschirrspüler falsch einräumt, ist das kein Versehen, sondern ein persönlicher Angriff auf unsere logische Vorherrschaft. Das menschliche Gehirn sagt uns nun mal: „Mein Weg ist der Standard. Alles andere ist eine Abweichung vom Naturgesetz.“
Ja, du bist das Zentrum deines Universums. Das ist biologisch unvermeidbar. Aber das Universum hat leider verdammt viele Zentren.
Der „Krass“-Quickie für zwischendurch
Die 3-Sekunden-Regel:
Wenn dich das nächste Mal jemand im Alltag nervt, atme drei Sekunden ein und stell dir vor, wie die Person in ihrer „Loge“ sitzt und gerade überlegt, ob sie die Kaffeemaschine ausgemacht hat. Plötzlich ist die „Wanderdüne“ vor dir keine Absicht mehr, sondern einfach nur ein Mensch mit einem sehr lauten Kopf.
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